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WAS GESCHAH MIT DER NVIDIA-AKTIE

Nvidia hat in der Nacht zum 20. November 2025 praktisch die komplette “AI-Blase”-Debatte mit einem einzigen Quartal vom Tisch gefegt. Nach Wochen voller China-Schlagzeilen, politischem Lärm aus Washington und optionsgetriebenem Verkaufsdruck war die Aktie bis zu 18 % vom Oktoberhoch und rund 8 % im November gefallen, als der Markt ein “Verdauungsquartal” erwartete. Stattdessen meldete Nvidia für Q3 FY2026 57,03 Mrd. USD Umsatz (+62 % YoY, +22 % QoQ), 51,2 Mrd. USD im Data-Center-Segment, 75 % Non-GAAP-Bruttomarge und eine Q4-Prognose von rund 65 Mrd. USD Umsatz. Die Aktie sprang nachbörslich um über 7 %, notiert im vorbörslichen Handel um 153–154 USD und die Marktkapitalisierung liegt wieder über 5 Billionen USD. Im Folgenden die ganze Geschichte – vom Rückgang zum Ausbruch und was das für Anleger wirklich bedeutet.

Vom Rückgang zum Ausbruch


Um zu verstehen, was mit der Nvidia-Aktie passiert ist, lohnt es sich, die letzten Wochen in zwei Akte zu teilen. Akt 1: Euphorie, neues Allzeithoch, erstmals mehr als 5 Billionen USD Börsenwert – und dann eine zunehmend nervöse Korrektur, ausgelöst durch China-Schlagzeilen, politische Gerüchte und aggressive Absicherung über Optionen. Akt 2: der Abend des 19. November, an dem das Q3-FY2026-Ergebnis die Erzählung von “AI-Capex ist am Peak” zu “der AI-Superzyklus wird länger und steiler” umschreibt.


Von 5 Billionen zu nervösem November


Ende Oktober wirkte Nvidia nahezu unantastbar. Die Aktie schloss erstmals mit einer Marktkapitalisierung von über 5 Billionen USD, die Woche endete um 208 USD, kurz darauf wurde ein neues Allzeithoch markiert. In den Foren wurde Nvidia halb ernst, halb Meme zum “AI king forever” gekürt. Doch Märkte laufen nie nur in eine Richtung – schon gar nicht, wenn ein Titel in jedem Depot und jedem Index übergewichtet ist.


Dann kamen die Schlagzeilen, die niemand sehen wollte. Die South China Morning Post berichtete, dass Peking ausländische AI-Chips in staatlichen Rechenzentren stillschweigend verbietet – begraben in einem 47-seitigen Dokument, aber Algorithmen lesen nur Überschriften. In New York war die Aktie am Vormittag bereits rund 4 % im Minus. Wenige Stunden später zitierte Reuters das US-Handelsministerium mit der Bestätigung, dass Blackwell-GPUs “zum jetzigen Zeitpunkt” auf der China-Exportliste bleiben.


Fundamental macht China inzwischen nur noch einen niedrigen einstelligen Prozentsatz des Data-Center-Umsatzes aus und ist damit für das große Bild eher Rauschen als Signal. Aber psychologisch zählt die Botschaft: Politisches Risiko lässt sich nicht sauber modellieren, und bei einer Aktie mit Premium-Bewertung reicht eine leichte Verschiebung im wahrgenommenen Risiko, um das Multiple sichtbar zu drücken.


Parallel dazu wurde der politische Unterton lauter. Das Wall Street Journal berichtete, das Übergangsteam von Donald Trump habe den Behörden signalisiert, dass es “keine Rettungspakete für die AI-Industrie” geben werde. Nvidia selbst lieferte zwar positive Nachrichten – etwa neue Deals mit Samsung, Deutsche Telekom und Nokia, um 5G-AI-Workloads auf Blackwell zu fahren –, doch der Markt quittierte das nur mit einem kurzen After-Hours-Bounce von etwa 1 %, der am nächsten Tag komplett wieder abgegeben wurde. Mikro-positive Meldungen prallten an einem makro-negativen Narrativ ab.


Options-Flow, negative Gamma und Sektor-Effekt


Unter der Oberfläche verlagerte sich die Kontrolle über den Kurs immer stärker in den Optionsmarkt. Das Volumen an Put-Optionen stieg deutlich, vor allem in kurzlaufenden Kontrakten mit Strikes im Bereich 195–188 USD. Die Dealer, die diese Puts verkauft hatten, gerieten in klassischen Negative-Gamma-Modus: Fällt die Aktie, müssen sie zur Absicherung zusätzliche Stücke oder Futures verkaufen – und genau dieser Absicherungs-Flow drückt den Kurs weiter nach unten. So verwandeln scheinbar “kleine” News-Impulse sich in sichtbare Kursrutsche.


Gleichzeitig begann der Rest des AI-Komplexes zu bröckeln. CNBC verwies auf Tagesverluste von 5–7 % bei AMD, Broadcom und Marvell – ein Lehrbuchsignal dafür, dass institutionelle Anleger Risiko über die gesamte AI-Wertschöpfungskette abbauten: Beschleuniger, Netzwerkinfrastruktur, Speicher. Besitzer von AI-Körben reduzierten breit, Relative-Value-Fonds schnitten Long-Nvidia/Short-Peers-Paare zurück, und passive Indexströme verstärkten den Verkaufsdruck.


Nvidia fiel vom Bereich um ~212 USD unter 192 USD und testete in der Folge die hohen 180er. Mitte November lag die Aktie rund 18 % unter dem Oktoberhoch und etwa 8 % unter dem lokalen November-Top – genau zu dem Zeitpunkt, als das Q3-Regelwerk vor der Tür stand. Kein Crash, aber genug, damit sich ein “irgendetwas dreht hier”-Narrativ festsetzen konnte.


Wovor der Markt wirklich Angst hatte


Vor dem 19. November klang die Konsensgeschichte ungefähr so: Der AI-Infrastrukturboom war spektakulär, aber eine Pause unausweichlich. China-Exportregeln würden die Nachfrage nach Hopper treffen. Kunden würden Bestellungen vor Blackwell verschieben, um erst die bestehende Generation zu verdauen. Neue Architekturen würden die Margen belasten. Und insgesamt sei der AI-Capex-Zyklus dabei, vom Steilflug in eine flachere Phase überzugehen.


In einem Titel dieser Größe und Bewertung braucht es keinen katastrophalen Quartalsausfall, um den Kurs zu treffen. Es reicht, wenn aus “Hyperwachstum” sichtbar “normales, hohes Wachstum” wird und die Guidance defensiv klingt. Der Schlusskurs von 144,86 USD unmittelbar vor den Zahlen spiegelte deshalb weniger eine zerbrochene Story wider als eine deutliche Erwartungsdämpfung.


Die Checkliste vor dem Print


  • Positionierung: Hohe Retail-Beteiligung, viel systematisches Geld, große Optionsbücher – alles zusammen machte Nvidia extrem anfällig für Narrativ-Schocks.

  • Bewertung: Eine Marktkapitalisierung von 5 Billionen USD bedeutete, dass der Markt bereits einen Großteil des erwarteten AI-Superzyklus vorfinanziert hatte.

  • Regulierung & Politik: Exportkontrollen und schwankende politische Rhetorik zu AI erhöhten die Eigenkapitalkosten und drückten auf die Bewertungsmultiplikatoren.

  • Sektor-Tape: Schwäche bei anderen AI-Leaders deutete auf breites De-Risking hin, nicht nur auf ein Einzeltitelproblem.

  • Whisper-Expectations: Offiziell rechnete man mit Stärke, inoffiziell hatten viele ihre mentale Latte von “Beschleunigung” auf “erstes Quartal mit Normalisierung” abgesenkt.


Mit diesem Erwartungs-Setup im Rücken ist es leichter zu verstehen, warum das Q3-FY2026-Ergebnis wie ein Schock durchs Orderbuch lief – nur eben im positiven Sinne.


Die Gewinnexplosion


Am Abend des 19. November 2025 lieferte Nvidia kein “solides Beat”, sondern einen Zahlenblock, der die gesamte Debatte zur Nachhaltigkeit des AI-Booms verschob. Q3 FY2026 war das, was Trader einen “all clear”-Print nennen: Die aktuellen Zahlen waren stark, die Guidance noch stärker, und der Kommentar von CEO Jensen Huang nahm dem Bärenlager praktisch jeden Halt. In diesem Abschnitt gehen wir durch die Kennziffern, die Q4-Prognose und das qualitative “Color”, das die Aktie nachbörslich nach oben schoss.


Q3 FY2026: Die nackten Zahlen


Die Gesamtumsätze in Q3 FY2026 erreichten 57,03 Mrd. USD – ein Plus von 62 % im Jahresvergleich und 22 % gegenüber dem Vorquartal. Die Analystenerwartungen lagen grob zwischen 54,8 und 55,3 Mrd. USD, Nvidia lag also etwa 2 Mrd. darüber, obwohl die inoffiziellen “Whispers” in den Wochen vor dem Print ohnehin nach oben geschoben worden waren. Für ein Unternehmen mit einem Börsenwert von über 5 Billionen USD ist ein solches Wachstum auf dieser Basis außergewöhnlich.


Das Data-Center-Segment – der Motor der Story – erwirtschaftete 51,2 Mrd. USD Umsatz, was +66 % YoY und +25 % QoQ entspricht. Damit stammen etwa 89,8 % der Gesamtumsätze aus diesem Bereich. Gaming, Automotive, Professional Visualization und Co. spielen natürlich weiter eine Rolle, sind aber für die Bewertung fast nur noch statistisches Rauschen. Die wichtigste Botschaft: Die großen Cloud-Anbieter, Enterprise-Kunden und Staaten bauen ihre AI-Infrastruktur nicht nur weiter aus, sie tun es schneller, als viele Modelle unterstellt hatten.


Auf der Ergebnisebene meldete Nvidia ein Non-GAAP-EPS von 1,30 USD, etwa 0,04–0,05 USD über Konsens. Das GAAP-Nettoergebnis lag bei 31,92 Mrd. USD, rund 65 % über dem Vorjahresquartal. Die Non-GAAP-Bruttomarge blieb mit 75,0 % auf einem extrem hohen Niveau, unverändert zum Vorquartal und etwa 160 Basispunkte über dem Vorjahr – und das, obwohl die neue Blackwell-Generation eigentlich mit niedrigeren Anfangsmargen hätte belasten können. Die operativen Aufwendungen stiegen nur um 18 % auf 4,83 Mrd. USD, was die operative Hebelwirkung eindrucksvoll bestätigt.


Q4-Guidance: Wenn stark nicht mehr reicht


Noch spannender als das abgelaufene Quartal war der Ausblick. Für Q4 FY2026 erwartet Nvidia Umsätze von 65,0 Mrd. USD ±2 %, also einen Mittelpunkt von rund 65 Mrd. USD. Das entspräche einem Wachstum von ca. 94 % im Jahresvergleich und etwa 14 % sequenziell. Die Wall Street lag vorher bei 62,5–63 Mrd. USD. Sprich: Die Latte war hoch, Nvidia hat sie nicht nur gerissen, sondern ein Stück weiter oben neu aufgehängt.


Rechnet man die Aussagen zum Segmentmix mit ein, deutet die Q4-Guidance auf Data-Center-Umsätze von rund 59–60 Mrd. USD hin. Viele Analysten hatten 56–57 Mrd. USD im Modell. Das klingt nach “ein paar Milliarden mehr”, ist aber strukturell wichtig: Es zeigt, dass von einer “Pause vor Blackwell” keine Rede sein kann. Stattdessen kaufen Kunden sowohl Hopper als auch Blackwell – abhängig von Workloads, Time-to-Market-Druck und lokaler Infrastruktur.


Jensen Huang formulierte es gewohnt klar: “Blackwell demand is off the charts.” “Cloud provider GPUs are sold out for the next 12 months.” “We are in full production ramp on Blackwell — expect billions in revenue this quarter and tens of billions next quarter.” Übersetzt: Der AI-Investitionszyklus wird nicht nur verlängert, er wird nach oben skaliert.


Der Bären-Case, Zeile für Zeile zerlegt


Bis vor wenigen Tagen stützte sich der bärische Case im Wesentlichen auf vier Annahmen. Erstens, dass China-Restriktionen die Nachfrage spürbar drücken würden. Zweitens, dass Kunden ihre Budgets vor Blackwell eher zurückhalten würden. Drittens, dass neue Architekturen die Bruttomargen verwässern. Und viertens, dass der AI-Capex-Berg bereits erklommen sei. Q3-Print und Q4-Guidance haben alle vier Punkte deutlich relativiert.


  • China-Exposure: Mit einem Data-Center-Anteil von rund 5 % – und insgesamt niedrigen einstelligen Prozent am Gesamtumsatz – ist China zwar politisch sensibel, aber strategisch verkraftbar. PwC-Wortwahl würde lauten: “nicht existenzbedrohend”.

  • Bestellpause vor Blackwell: Statt eines Order-Stopp sieht man eine Überlappung: Hopper-Cluster werden weiter ausgebaut, während parallel Blackwell-Kapazität für den nächsten Sprung gesichert wird.

  • Margendruck: Die 75-%-Bruttomarge zeigt, dass Pricing-Power, Systemgeschäft (NVL72/144) und Software/Plattform-Fees genug Wertschöpfung liefern, um etwaige Zusatzkosten neuer Nodes zu kompensieren.

  • Capex am Peak: Q4 mit ~94 % Umsatzwachstum und klare Aussagen, dass 2026-Capex bei Hyperscalern höher als 2025 ausfallen soll, sind schwer mit einer “Blase kurz vor dem Platzen” vereinbar.


Sovereign AI und ausverkaufte Blackwell-Racks


Besonders interessant ist für europäische Anleger der Bereich “Sovereign AI” – also nationale AI-Programme, bei denen Staaten eigene Infrastruktur aufbauen, um Datenhoheit und kritische Kapazitäten zu sichern. Nvidia bezifferte die annualisierte Pipeline dieser Projekte inzwischen auf über 20 Mrd. USD, gegenüber rund 10 Mrd. USD im Vorquartal. In nur drei Monaten hat sich damit ein zusätzlicher, strukturell stabiler Nachfragetreiber etabliert.


Auf Systemebene ist das Bild ähnlich eindrucksvoll: Die voll bestückten Blackwell-Racks NVL72 und NVL144 sind für den Großteil des Jahres 2026 ausverkauft. Hier geht es nicht mehr darum, ob Nachfrage existiert, sondern darum, wie schnell Kapazitäten produziert, verschifft und ans Netz gebracht werden können – inklusive Engpässen bei Stromversorgung, Kühlung und Rechenzentrumsflächen.


Jensen nannte auf dem Call mehrere prominente Kunden. Meta bestellt weitere ~350.000 Blackwell-GPUs für 2026. Tesla setzt beim Dojo-Programm ebenfalls auf Blackwell; Elon Musk bestätigte, dass er 2026 rund 3–4 Mrd. USD bei Nvidia ausgeben will. Die Grace-Blackwell-Superchips werden bereits an alle großen Cloud-Provider ausgeliefert. Zusammengenommen sieht das nicht nach einem Anbieter aus, der um Aufträge kämpfen muss, sondern nach dem De-facto-Standard für beschleunigtes Rechnen.


Wie die Aktie reagierte


Der Markt sprach schnell sein Urteil. Am 19. November schloss Nvidia im regulären Handel bei 144,86 USD – schon ordentlich im Plus auf Tagesbasis, aber noch klar unter den Höchstständen. Nachbörslich sprang die Aktie um bis zu 7,1 % auf ein Hoch von 155,18 USD. Im vorbörslichen Handel am nächsten Morgen pendelte sie im Bereich 153–154 USD, also rund 6–6,5 % über dem Vortagesschluss.


Entscheidender für die Story war die Marktkapitalisierung: Nvidia überquerte die 5-Billionen-USD-Schwelle erneut – diesmal aber gestützt von frisch nach oben angepassten Gewinnschätzungen, nicht nur von Optimismus. Bei etwa 5,07 Billionen USD im Pre-Market waren die -8 % Drawdown in den November hinein und die -18 % vom Oktoberhoch praktisch in einer Nacht neutralisiert. Wer Nvidia länger verfolgt, kennt dieses Muster: Kompression vor dem Event, brutal klare Preisfindung nach den Zahlen.


Fünf Kennzahlen, die alles drehten


  • 57,03 Mrd. USD Q3-Umsatz, +62 % YoY, +22 % QoQ, rund 2 Mrd. über Konsens.

  • 51,2 Mrd. USD Data Center-Umsatz, +66 % YoY, +25 % QoQ, knapp 90 % der Erlöse.

  • 75,0 % Non-GAAP-Bruttomarge, stabil QoQ, +160 bps YoY trotz Blackwell-Ramp.

  • 65 Mrd. USD ±2 % Q4-Guidance, etwa +94 % YoY, +14 % QoQ, klar über Street.

  • >5 Billionen USD Marktkapitalisierung, nun unterstützt durch sichtbare Earnings Power.


Das ist kein “wir haben uns gerade so über die Ziellinie gerettet”-Quartal. Es ist ein “wir laufen noch schneller”-Quartal. Genau das ist der Unterschied zwischen Topbildung und Mittelspiel in einem Superzyklus.


NVIDIA-Aktie: Noch immer eine Kaufgelegenheit oder überbewertet?

NVIDIA-Aktie: Noch immer eine Kaufgelegenheit oder überbewertet?

Was jetzt auf dem Spiel steht


Nach Q3 FY2026 ist die Antwort auf die Frage “was geschah mit der Nvidia-Aktie?” eine andere als noch vor wenigen Tagen. Ein durch Schlagzeilen und Optionen verstärkter Rückgang traf auf ein Quartal, das den AI-Superzyklus nicht nur bestätigte, sondern verlängerte. Die letzte Sektion dreht sich deshalb nicht um die Frage, ob die Zahlen gut waren – das sind sie –, sondern darum, wie Anleger sie einordnen und welche Risiken trotz allem bleiben.


Der AI-Superzyklus, Version 2.0


Vor diesem Quartal war eine verbreitete Sichtweise: Der AI-Investitionsboom ist real, aber fragil – abhängig von einigen wenigen Hyperscalern, von US-Politik und niedrigen Zinsen. Ein paar Budgetstriche oder neue Regeln könnten die Story abkühlen. Jetzt sieht das Setup robuster aus. Die großen Cloud-Anbieter planen für 2026 höhere AI-Budgets als für 2025. Die Sovereign-AI-Pipeline hat sich in einem Quartal verdoppelt. Blackwell-Systeme sind über weite Teile des Jahres 2026 ausverkauft. Das entspricht eher der frühen bis mittleren Phase eines Multijahresuperzyklus als einer Endphase.


Für Nvidia selbst bedeutet das vor allem eines: Skalierung ohne sichtbare Erosion der Profitabilität. 75-%-Bruttomargen, operative Kosten mit nur 18 % Wachstum und eine wachsende Durchdringung mit Systemen, Software und Plattform-Umsätzen lassen den Schritt von “wir verkaufen GPUs” hin zu “wir besitzen einen großen Teil des AI-Compute-Stacks” klarer werden. Wenn sich in den nächsten Quartalen bestätigt, dass Blackwell-Margen eher besser als schlechter ausfallen, müssen nicht nur die kurzfristigen, sondern vor allem die langfristigen Gewinnpfade nach oben verschoben werden.


Kurzfristiger Kurs, mittelfristige Szenarien


Kurzfristig drehen sich Diskussionen naturgemäß um Kurslevel. Mit einem nachbörslichen Hoch bei etwa 155 USD und einem Pre-Market-Handel um 153–154 USD stellt sich die Frage, ob der Markt 160–170 USD als neues Magnetband testet – insbesondere, wenn Optionsdealer auf der Oberseite in Short-Gamma geraten und steigende Kurse kaufen müssen. Auf Sicht des nächsten Quartals ist ein Pfad in Richtung 200+ USD kein Meme-Fantasieszenario mehr, sondern eine plausible Variante, falls Blackwell wie geplant skaliert und Margen stabil bleiben.


Natürlich ist nichts davon garantiert. Makroschocks, neue Regulierungsrunden, Engpässe bei Strom, Kühlung oder Netzwerktechnik, aggressiver Wettbewerb durch kundenspezifische Chips großer Kunden – all das kann die Kurve zackiger machen, als es die PowerPoint-Folien vermuten lassen. Wichtig ist: Der Basiscase des Marktes hat sich verschoben – von “die Spitze könnte erreicht sein” zu “dieser Zyklus ist stärker und länger als gedacht”.


Eine pragmatische Playbook-Skizze


Wie kann man als Anleger damit umgehen, ohne in reinen FOMO- oder Panikmodus zu verfallen? Ein paar Rollenbilder helfen als Rahmen – nicht als Anlageberatung:


  • Langfristige, fundamental orientierte Investoren: Q3/Q4 können als Bestätigung gelesen werden, dass der AI-Infrastrukturzyklus zumindest bis 2026–2027 auf hohem Niveau weiterläuft. Fokus eher auf Volumen, Backlog, Lieferfähigkeit, Software-Anteil und Kundendiversifikation als auf Intraday-Bewegungen. Taktisch bedeutet das: Einstieg in Tranchen, Nutzung von politisch oder optionsbedingten Rücksetzern statt Jagen von vertikalen Kerzen.

  • Sektor- und Makroallokatoren: Nvidia hat die Messlatte für den gesamten AI-Sektor verschoben. Strukturell untergewichtet in AI-Beschleunigern, Netzwerken und Zulieferern zu sein, ist jetzt eine bewusst aktive Wette – kein neutraler Default. Gleichzeitig ist eine zu hohe Konzentration in einem einzigen 5T+-Titel riskant. Die Portfoliofrage lautet: Wie viel Nvidia kann die Allokation verkraften, ohne dass ein 25-%-Rutsch zum Karriere-Event wird?

  • Optionshändler und Kurzfrist-Trader: Jedes Nvidia-Quarter ist inzwischen ein Mini-Makroevent. Implied Vol, Skew und Termstruktur werden von beiden Seiten – FOMO wie Risikoaversion – verzerrt. Anstatt “nackte” Calls oder Puts zu spielen, sind strukturierte Trades wie Call-Spreads, Calendars oder Diagonals oft sinnvoller, weil sie das Risiko begrenzen und dennoch am Trend partizipieren lassen. Und: Gamma-Dynamik kann Richtung und Tempo schnell drehen, also keine Overconfidence.

  • Retail-“Buy-the-Dip”-Fraktion: Das Quartal bestätigt eure Grundthese eher als euer Timing. Die zentrale Frage ist weniger, ob AI real ist, sondern wie viel Prozent Depotgewicht eine einzige Aktie haben darf, bevor Risiko-Management und Schlafqualität leiden. Selbst im Superzyklus bleibt Diversifikation über verschiedene AI-Profiteure – Halbleiter, Cloud, Netzwerkausrüster, ausgewählte Software – rational.


Risiken, die weiterhin zählen


Ein Monsterquartal macht Nvidia nicht unverwundbar. Exportregeln können sich verschärfen, geopolitische Spannungen können neue Einschränkungen bringen. Infrastrukturthemen – Energie, Kühlung, Bau neuer Rechenzentren – können selbst bei hoher Chipverfügbarkeit die tatsächliche Deployment-Geschwindigkeit begrenzen. Und Konkurrenz durch eigene Beschleuniger bei Hyperscalern kann auf Sicht von Jahren an der Margenfront nagen, auch wenn Nvidia technologisch vorne bleibt.


Dazu kommt die schlichte Größenlogik: Bei über 5 Billionen USD Marktkapitalisierung braucht es keinen Kapitalschaden, um Anlegern weh zu tun; es reicht, wenn das Wachstum “nur” stark statt spektakulär ist und Multiples sich normalisieren. Drawdowns von 20–30 % sind in einem solchen Setup keine Absurdität, sondern Teil des Spiels. Der Unterschied: Nach diesem Quartal ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass solche Drawdowns Korrekturen in einem intakten Aufwärtstrend sind – nicht das Ende der Story.


Eine neue Antwort auf eine alte Frage


Was ist also mit der Nvidia-Aktie passiert? In der Kurzfassung: Sie ist einer klassischen Sentiment-Kurve gefolgt. Erst die Euphorie über neue Allzeithochs und die 5-Billionen-Marke. Dann eine Abkühlung mit China- und Politikschlagzeilen, verstärkt durch Options-Mechanik, die den Kurs 10–20 % nach unten schickte. Und schließlich ein Q3 FY2026, das mit 57 Mrd. USD Umsatz, 75 % Bruttomarge, einer aggressiven Q4-Guidance und einem deutlich verlängerten 2026–2027-Narrativ diese Zweifel in einer Nacht wegfegte.


In der Langfassung heißt das: Nvidia ist von “Story mit Zahlenanhang” zu “Zahlen mit Story” geworden. Der AI-Superzyklus wirkt nach diesem Quartal nicht kleiner, sondern größer – und er reicht länger in die Zukunft, als viele Modelle noch Mitte 2025 unterstellt haben. Das garantiert keine geradlinige Kursbewegung und eliminiert Risiko nicht. Aber es gibt dem Markt eine klare, datenbasierte Antwort: Nein, Nvidia steht nicht vor dem Ende eines Hypes, sondern mitten in einer Ausbauphase, die gerade grünes Licht für die nächste Stufe bekommen hat.


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